Arbeitswelt

Freiburgs Pflaster neu entdecken

Beim „Türen auf“-Format der Stadt können sich Ämter und Dienststellen anderen interessierten Kolleg*innen vorstellen. Die Teilnehmenden bekommen so Einblicke in die vielfältige Arbeit der Verwaltung: Wie geht das Projekt Dietenbach voran? Wie ist der Arbeitsalltag in der OASE, dem Zentrum für wohnungslose Menschen? Oder was zeigt das NS-Dokuzentrum? Beim letzten Termin führte Pflasterer Dieter Saier aus dem Garten- und Tiefbauamt (GuT) mit einem ganz besonderen Blick durch die Freiburger Innenstadt.

Rathausplatz Freiburg, 16 Uhr, bestes Wetter und Pflasterer Dieter Saier tut das, was ein Pflasterer eben tut: Er klopft Steine in ein Mosaik. Gespaltene Rheinkisel und weiße Marmorstücke, wie er verrät. Die Rheinkisel nutze man seit 150 Jahren für solche Arbeiten – heute kommen sie alle aus der Rheinebene, früher durchaus auch aus der Dreisam. Und Saier weiß: Für die Pflasterstraßen der Freiburger Innenstadt kommen bis heute nur naturbelassene Steine zum Einsatz.

Am unfertigen Muster-Mosaik dürfen schließlich auch die Teilnehmenden zu Hammer und Steinen greifen und letztere behutsam in den Sand klopfen. Früher wurden solche Mosaike direkt in den Boden gepflastert. Doch seit den 80er Jahren sorgen Metallrahmen für flexibles Arbeiten, für weniger Rücken und mehr Komfort. Die fertigen Arbeiten werden samt Rahmen in den Boden eingesetzt und mit Beton aufgefüllt. „Unsere Mosaike im Außenbereich sind verkehrsbeständig und trotzen hohen thermischen Belastungen“, sagt der Pflaster-Profi stolz.

Nachdem sich die Kolleg*innen warmgeklopft haben, führt sie Dieter Saier zu den Partnerstadt-Mosaiken vor dem Rathauseingang. Zu jedem der zwölf Wappen kennt er eine Geschichte: Das erste entstand 1959 und ist das der Stadt Besançon. Am detailreichen Pflaster-Kunstwerk von Guilford wurden insgesamt 150 Stunden gearbeitet. Und beim Mosaik von Isfahan, das Dieter Saier mit einem Kollegen selbst gemacht hat, hätten sich die Freiburger Pflasterer*innen* emanzipiert und ihre ganz eigene Handschrift präsentiert. Erstmals wurde dabei auch Glas und Metall verarbeitet.

Das gepflasterte Wappen von Isfahan
Im Mosaik von Isfahan wurden auch Metall (der Pfeil) sowie Glas (die roten Punkte) verarbeitet.

Beim Wiwili-Mosaik standen die Hammer-Helden vor einer Herausforderung, denn die Gemeinde in Nicaragua hat kein eigenes Wappen. „Hier haben wir uns richtig ausgetobt“, lacht Saier. Herausgekommen ist ein Meisterwerk samt Kaffeebohne, Blattschneidearmeise, Sonne, Meer, Bergkette und dem Fluss Rio Coco. „Den habe ich persönlich vier Stunden vor Enthüllung noch da reingeklopft“, sagt der Profi (den wichtigen Fluss hatte man bis dahin nicht aufm Schirm, also nicht im Mosaik-Rahmen).

Das Pflaster-Mosaik von Wiwili
Knappe Kiste: Der Rio Coco wurde kurzfristig im Wiwili-Mosaik eingefügt.

 

Barrierefrei pflastern

Nach dem Mosaik-Ausflug geht es weiter in die Schiffstraße. Dieter Saier gibt Blindenstock und Simulationsbrillen aus. Damit können die Teilnehmenden testen, wie gut ihnen die Orientierung am neu gepflasterten, behindertengerechten Straßenabschnitt gelingt. Erst kürzlich hat man hier die Baustelle des Fernwärmenetz-Ausbaus der Badenova genutzt, um anschließend die Pflastersteine neu zu verlegen und eine zwei Meter breite, so genannte Vorrangroute für behinderte Menschen anzulegen.

Dafür wurden zum einen Quarzit-Steine so glatt gesägt, dass Menschen mit Gehilfen oder im Rollstuhl widerstandslos und stolperfrei darüber kommen. Zum anderen wurde für Sehbehinderte eine Orientierungslinie aus weißen Steinen entlang des Bächles verlegt. Vollblinde Menschen können sich mit dem Gehstock am Bächle orientieren.

Ein Werbeblog auf dem Münsterplatz

Nächster Stopp Münsterplatz und die Frage: Wie werden eigentlich die Freiburg-typischen Bächle gebaut? Um diese Frage ebenfalls anschaulich zu klären, hat Vollprofi Dieter Saier mal eben ein Stück ausgehobenes Bächle prominent platzieren lassen. „Das ist unser Werbeblog“, sagt er und lacht. Auch die Bächle werden auf dem Grund mit Steinen gepflastert – früher Rheinstein, heute Basalt. Und damit das Bächle fließt, kommen keine Pumpen zum Einsatz, weiß Dieter Seiter. Stattdessen wurde bereits im Mittelalter ein Teil der östlichen Altstadt um drei Meter aufgeschüttet.

So wird das Freiburger Bächle gebaut.
Geiler Werbeblog: Viel Stein, damit’s ordentlich fließt.

Insgesamt zweieinhalb Stunden geht die Pflaster-Tour durch die Innenstadt. Dieter Saier erzählt weiter von den Stolpersteinen, die an die Opfer des Nazi-Regimes erinnern und welche ebenfalls von den Straßenbauern des GuT in den Boden eingelassen werden. Er zeigt die Grenze der Altstadt, die durch den Unterschied der Steine klar zu erkennen ist, und erzählt immer wieder eine lustige Anekdote zu einem Mosaik.

Am Ende Pflaster-Tour können wohl alle Teilnehmenden sagen, dass sie künftig mit anderen Augen durch die Innenstadt gehen werden.

 

 

* Tatsächlich wurde seit 1970 erst eine Straßenbauerin (wie die offizielle Berufsbezeichnung lautet) bei der Stadt ausgebildet.